SPD POTSDAM
In Potsdam zu Hause.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck über die schwierige Suche nach einem neuen Flughafenchef

SPIEGEL: Herr Platzeck, haben Sie während der Pannenserie beim Großflughafen Berlin-Brandenburg überlegt, von allen Ämtern zurückzutreten?
Platzeck: In einer solchen Situation ist es ganz normal, dass einem auch solche Gedanken durch den Kopf gehen. Aber es ist das wichtigste Infrastrukturprojekt Ostdeutschlands und hilft den Wohlstand in der Region zu sichern.

SPIEGEL: Im kommenden Jahr wollen Sie als Ministerpräsident von Brandenburg wiedergewählt werden. Der Flughafen wird dann noch nicht eröffnet sein.
Platzeck: Das kann so sein. Aber klar ist: Ich habe mein politisches Schicksal mit dem Projekt verknüpft und das wird auch über meine Wiederwahl entscheiden.

SPIEGEL: Mit Katastrophen haben Sie einige Erfahrung, 1997 mussten Sie mit der Jahrhundertflut an der Oder umgehen. Was war schlimmer für den Politiker Platzeck, das Oderhochwasser oder das Flughafendebakel?
Platzeck: Mit dem Blick von heute: der Flughafen, ganz klar. Hier geht es um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Region und um einen dramatisches Imageproblem. Das Oderhochwasser hat kurzfristig große Zerstörungen verursacht, aber langfristig den Wirtschaftsstandort nicht beschädigt. Wir befinden uns schließlich in einem globalen Standortwettbewerb.

SPIEGEL: Warum hat Ihr Vorgänger Klaus Wowereit als Aufsichtsratsvorsitzender versagt?
Platzeck: Klaus Wowereit hat sich dieses Projektes sehr intensiv angenommen. Er war klarer und harter Verhandlungspartner. Aber das Ergebnis ist wie es ist.

SPIEGEL: Sie spüren viel Gegenwind. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble wollte Sie sogar als neuen Aufsichtsratsvorsitzenden verhindern.
Platzeck: Wolfgang Schäuble hatte mich sinngemäß gefragt, ob ich keinen Spaß mehr im Leben haben wolle oder warum ich mir diesen Job antue. Das habe ich nicht als Angriff auf meine Person verstanden. Ich kenne und schätze ihn seit über 20 Jahren.

SPIEGEL: Der Bund hat lange den Eindruck erweckt, als hätte er mit dem Flughafen gar nichts tun. Ärgert es Sie, dass nur Wowereit und Sie für Terminverschiebungen, Fehlplanungen und Kostenexplosionen verantwortlich gemacht wurden?
Platzeck: Der Bund steht genauso in der Verantwortung wie Berlin und Brandenburg. Wir haben alle wesentlichen Beschlüsse im Aufsichtsrat einstimmig gefasst. Unabhängig davon lassen wir gerade von Anwälten und Wirtschaftsprüfern klären, ob die Geschäftsführung oder der Aufsichtsrat sich etwas haben zuschulden kommen lassen.

SPIEGEL: Wie wollen Sie gewährleisten, dass die Bundesregierung künftig ihrer Verantwortung für das Projekt gerecht wird?
Platzeck: Wir haben jetzt vereinbart, dass Verkehrsstaatssekretär Rainer Bomba dem Ausschuss vorsitzt, der den Bau begleitet. Damit wird der Bund noch stärker in die Pflicht genommen.

SPIEGEL: Wie zufrieden sind Sie mit der Zusammenarbeit mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer?
Platzeck: Ich habe in dieser Woche mit Herrn Ramsauer gemeinsam dem Verkehrsausschuss Rede und Antwort gestanden. Unsere Sicht auf die Lage war ähnlich. Im Übrigen haben wir uns mit ihm, Schäuble und Wowereit in die Hand versprochen, dass wir künftig erkennbar an einem Strang ziehen.

SPIEGEL: Ramsauer hat seit Monaten gefordert, dass der Flughafen-Geschäftsführer Rainer Schwarz gefeuert wird. Sie haben Schwarz dagegen lange gestützt. Warum?
Platzeck: Rainer Schwarz war ja nicht für den Neubau verantwortlich, sondern für das operative Flughafengeschäft, zum Beispiel für die Akquise neuer Flugverbindungen. Die Steigerungen beim Passagieraufkommen für die Berliner Flughäfen sind exorbitant. Diese Erfolge muss man mit ins Kalkül ziehen. Jetzt müssen wir einen Vorstandsvorsitzenden finden, der in der Lage ist, dieses schwierige Projekt zum Erfolg zu führen.

SPIEGEL: Bisher haben Sie sich bei potentiellen Kandidaten nur Absagen eingehandelt. Erfahrene Flughafenmanager aus München und Köln sollen dankend abgewinkt haben.
Platzeck: Es ist aus verschiedenen Gründen keine einfache Suche. Es gibt kein Bauprojekt im Moment, das medial schärfer und intensiver beobachtet wird. Das liegt nicht jedem. Wir können auch nicht jedes Gehalt zahlen.

SPIEGEL: Vielleicht schrecken die Kandidaten auch die hohen finanziellen Risiken des Projektes. Fachleute wie der Frankfurter Flughafenplaner Dieter da Costa behaupten ja, der Berliner Hauptstadtflughafen werde auf Dauer ein Milliardengrab sein.
Platzeck: Moment, das müssen Sie auseinanderhalten. Wir haben hier ein Desaster, das ist so. Es sind auf dieser Baustelle Dinge zu verzeichnen, die ich so auch nicht für möglich gehalten hätte. Aber dieser Flughafen wird, wenn er dann am Netz ist, ein erfolgreicher. Das zeigt ja auch die Entwicklung der Passagierzahlen an den bestehenden Berliner Flughäfen, die jetzt schon bei 25 Millionen liegen. Ein Drittel mehr als noch 2005. Es ist völlig klar, dass es länger dauern wird, bis er sich finanziell trägt. Aber am Ende des Weges wird dieser Flughafen Geld verdienen, das verspreche ich Ihnen. Ganz zu schweigen von den allgemeinen wirtschaftlichen Effekten für Berlin und Brandenburg. Und genau diese Perspektiven werden auch gute Manager interessieren.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich angesichts der vielen Probleme überhaupt öffentlich auf den Eröffnungstermin Oktober 2013 festgelegt?
Platzeck: Rückblickend war das ganz klar ein Fehler. Aber der Termin ist ja nicht von Politikern vorgegeben worden. Der Aufsichtsrat hat vorher Firmen angehört, dazu die Techniker und die Bauleitung. Alle haben diesen Termin bestätigt.

SPIEGEL: Nun hat der neue Bauchef der Flughafengesellschaft, Horst Amann, erneut über einen Eröffnungszeitpunkt spekuliert und von 2015 gesprochen.
Platzeck: Das hat er inzwischen zurückgenommen und einen Fehler eingeräumt.

SPIEGEL: Die Verschiebung des Eröffnungstermins im Oktober 2013 hat Amann Ihnen per Boten Anfang Januar zukommen lassen und damit Tatsachen geschaffen. Ist das der Stil, wie die Geschäftsführung mit dem Aufsichtsrat umgeht?
Platzeck: Dieses Vorgehen hat für große Unruhe gesorgt, auch bei mir. Die Tage Anfang Januar waren für uns alle ein emotionaler Sonderzustand, auch für Horst Amann. Aber ich traue ihm zu, den Bau dieses Flughafens als Bauverantwortlicher auf den Weg zu bringen.

SPIEGEL: Und wann wird das erste Flugzeug vom BER starten?
Platzeck: Ich pflege, Fehler nicht ein zweites Mal zu machen. Von mir werden Sie darum jetzt kein Datum hören, auch kein ungefähres. Das wäre nicht seriös.

Quelle: DER SPIEGEL 4/2013 vom 21.01.2013