SPD POTSDAM
In Potsdam zu Hause.

Im Landtag: Rede zur Änderung des Bestattungsgesetzes

In der 63. Sitzung des Landtages am 27. Juni 2018 habe ich zum Tagesordnungspunkt 5 "Gesetz zur Änderung bestattungs- und gräberrechtlicher Vorschriften" nachfolgende Rede gehalten:

"Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

der Juni vor 10 Jahren war über Wochen sehr heiß. Geradezu angenehme Temperaturen herrschten dagegen auf der Intensivstation des Ernst von Bergman Klinikums in Potsdam. Hier lag mein Vater seit einigen Tagen im Koma.

Sein Körper wurde schwächer und es war wahrscheinlich, dass er in der kommenden Nacht sterben würde. Ich beschloss, diese Nacht bei ihm zu verbringen, auch wenn mir bewusst war, dass er es höchst wahrscheinlich nicht mehr mitbekommen würde. Mir war es wichtig, dass er nicht alleine stirbt.

Nach seinem Tod wurde mein Vater zu einer, wie es in unserer Gesetzesnovelle heißt, toten Person, zu einem Leichnam. Wie wir mit Leichen umgehen, das regelt der Staat im Bestattungsgesetz. Warum das so ist? Artikel eins des Grundgesetzes heißt, die Würde des Menschen ist unantastbar. Und für mich bedeutet es, dass die Würde des Menschen auch nach seinem Tod unantastbar ist und durch uns geschützt werden muss.

Daraus folgt, dass wir Sorge tragen müssen für einen ehrenhaften Umgang mit den Toten und es gerade nicht egal ist, was nach dem Tod mit einem Leichnam passiert.

Und zwar als abstraktes ethisches Prinzip und nicht nur auf Wunsch des Verstorbenen.

Mein Vater war zum Beispiel ein prototypischer DDR-Atheist. Er hat immer gesagt, wenn ich mal umfalle, dann ist mir total egal, was mit mir passiert, Hauptsache es macht nicht soviel Mühe. Wenn er sich das hätte aussuchen können, wäre das wahrscheinlich bei einer praktisch-preiswerten Aschestreuwiese geendet.

Doch da war natürlich seine Frau davor. Für meine Mutter ist der Friedhof in unserem kleinen Heimatdorf ein wichtiger Ort der Trauer. Etwa ab dem 1. März schickt sie regelmäßig die Enkelkinder mit dem Fahrrad zum Friedhof, um zu kontrollieren, ob das Wasser schon angestellt ist.

Der Friedhof ist für sie ein lebendiger Trauerort aber auch ein Ort des gesellschaftlichen Lebens in unserem Dorf. Und durch die regelmäßigen Besuche am Grab konnten auch meine Kinder eine Beziehung zu ihrem Opa aufbauen, auch wenn sie ihn nie kennengelernt haben.

Wie schon seit Jahrzehnten folgt die Grabbepflanzung dem Lauf der Natur. Von den frühen Stiefmütterchen über die Sommerbepflanzung und den Herbstastern und natürlich wird das Grab vor Totensonntag abgedeckt und winterfest gemacht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sie sehen, schon in meiner Familie gibt es über die Frage der Bestattung vollkommen unterschiedliche Auffassungen. Wie erst muss es in diesem Parlament mit seinen 88 Abgeordneten sein?

Der Umgang mit den Toten ist eine der ältesten Kulturfragen der Menschheit. Sie ist tief verbunden mit religiösem und ethischem Empfinden. Deswegen finde ich es eine große Leistung dieses Parlamentes, dass wir bei der Diskussion des Bestattungsgesetzes unsere eingespielten Pfade verlassen. Nicht nach Opposition und Regierungsfraktion entscheiden. Es geht heute nicht um Sieg oder Niederlage. Sondern es geht darum, ein Bestattungsgesetz zu schaffen, das dem Empfinden der Mehrheit dieses Hauses entspricht.

Herzlichen Dank allen, die dieses Verfahren ermöglicht haben.

Wir haben heute drei Abgeordnetenanträge zu entscheiden, die im Kern religiöse oder ethische Grundfragen berühren.

Eine davon ist die Frage, ab wann das Leben anfängt, oder vielmehr, ab wann man einen Menschen bestatten soll.

Der Tod macht es uns leicht. Er ist medizinisch sehr gut zu überprüfen. Auf der Intensivstation konnte ich in der Nacht als mein Vater starb, quasi zusehen. Die kleinen Berge auf dem Pulsanzeiger wurden immer flacher. Das Piepen des Pulses wurde zu einem Dauerton und nachdem das Herz meines Vaters aufgehört hatte zu schlagen, sankt die Sauerstoffsättigung im Blut schnell und stetig.

Ich saß in dieser Nacht am Totenbett und hatte einen dicken Bauch. Ich war im achten Monat schwanger. Das Leben geht, ein anderes Leben kommt.

Aber ab wann ist es denn ein anderes Leben? Das ist viel schwerer zu beantworten als beim Tod, der ganz eindeutige Merkmale hat. Zwei Abgeordnetenanträge liegen uns heute dazu vor. Wann beginnt das Leben, ab wann ist es ein Mensch wert, beerdigt zu werden?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Jede Frau die einmal schwanger war, kennt den Moment, wo Du nicht weißt, ob in Deinem Bauch noch das letzte Mittagessen rumort, oder ob das schon die ersten Bewegungen des Kindes sind.

Wann beginnt das Leben, dazu kann man ganz unterschiedliche Zugänge haben. Ganz grundsätzlich könnte der Biologe oder Katholik sagen, es ist der Zeitpunkt der Verschmelzung von Eizelle und Samen. Aber kann man denn getrost von einem Menschen sprechen, wenn er vielleicht nicht mehr als 10 Gramm wiegt?

Die potentielle Lebensfähigkeit eines Babies ist daher durchaus auch ein nachvollziehbares Kriterium für die Frage, ab wann ein Mensch ein Mensch ist.

Aber auch hier ist der biologische Fortschritt rasant. Heute können Frühchen ins Leben geführt werden, die vor Jahrzehnten noch sicher dem Tod geweiht waren.

Deswegen ist mir bewusst, dass auch die Absenkung von 1.000 auf 500 Gramm für die Bestattungspflicht nur eine vom Menschen gesetzt Zahl ist. Der Gesetzentwurf sieht eine Bestattungspflicht erst ab 1000 Gramm vor. Denn gerade für Frauen mit mehreren Fehlgeburten kann die Bestattung eine größere Belastung als Trost sein. Auf jeden Fall sind Familien die ihr Kind verlieren immer in einer seelischen Ausnahmesituation.

Deswegen begrüße ich es außerordentlich, dass sich der Innenausschuss darauf verständigt hat, dass künftig alle Krankenhäuser des Landes über die Bestattungsmöglichkeit, unabhängig vom Geburtsgewicht informieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, medizinischer Fortschritt beeinflusst unsere Bestattungskultur. Aber auch der Zeitgeist und die Lebensumstände.

Eine dieser Erscheinungen des Zeitgeistes ist der Wunsch, aus Verstorbenen etwa Aschekristalle zu züchten oder Teile der Asche in Kreuze zu verbringen oder ähnliches.

Ursächlich hierfür dürfte zum einen der technische Fortschritt sein, aber auch ein Zerfall der dörflichen Gemeinschaft mit ihrer traditionellen Friedhofskultur und das Bedürfnis in Zeiten der Globalisierung quasi ortsunabhängig zu trauern. Der Gesetzentwurf schafft die Möglichkeit für diese Form der Trauerkultur, die offensichtlich auf Nachfrage in der Bevölkerung trifft. Bisher musste dafür der Umweg über das Ausland gegangen werden. Nach dem Beschluss des Gesetzes wäre das auch bei uns in Brandenburg möglich.

Bei uns in der Fraktion gibt es Befürworter dieser Regelung. Ich gehöre nicht dazu. Erinnerungsdiamanten sind Ausdruck eines vermeintlich liberalen Zeitgeistes. Die Trauerfamilie privatisiert damit das Gedenken an den Toten, sie nimmt es mit nach Hause. Zugleich freut sich die Bestattungsindustrie, die ein neues und sehr lukratives Geschäftsfeld eröffnet hat. Man könnte meinen – wen stört es, sind doch beide Seiten reicher.

Das verkennt, dass man Menschen nicht besitzen kann. Nicht während sie leben, aber auch nicht nach dem Tod. Gerade heute, wo viele von uns in Patchworkfamilien leben, mit der dritten Frau das zweite Kind haben, da darf man es nicht zulassen, dass die letzte Familie das exklusive Recht auf Trauer für sich beansprucht.

Der Friedhof ist eine große kulturelle Errungenschaft, die Platz schafft für die Trauer von allen, die den Toten vermissen. Unabhängig vom aktuellen Beziehungsstatus.

Den Friedhof als Ort der Trauer zu erhalten war der Anstoss für die Novelle dieses Gesetzes. Es war eine Anregung des Kollegen Kosanke, die historische Friedhofskultur mit ihren Grabgebäuden und Grüften zu bewahren.

Der Anstoss zog eine intensive Beschäftigung dieses Hauses mit dem Thema Bestattung nach sich. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen für die besondere Arbeitsweise, in der wir dieses Gesetz diskutieren konnten.

So wie das letzte Hemd keine Taschen hat, geht es heute beim Bestattungsgesetz nicht um Sieg oder Niederlage.

Herzlichen Dank."

 

Hier finden Sie den Gesetzentwurf, den beschlossenen Änderungsantrag (Bestattungspflicht ab 500 g) und den beschlossenen Änderungsantrag (Verbot der Entnahme von Totenasche).